Ausgelaufen – die Fortsetzung

Seit Sonntag bin ich wieder in meiner Heimat. Über 60 Stunden Heimreise, nur 4 Stunden Schlaf währenddessen. Von Nordli per Anhalter nach Grong, mit dem Zug nach Trondheim, per Bus nach Oslo, von dort über Kopenhagen mit dem Flieger nach Hamburg und letztendlich im Auto nach Nürnberg.
Lange Wartezeiten – insgesamt 34 Stunden – haben die Reise anstrengend, dafür aber günstig gemacht. Zuerst wollte ich nicht schlafen, irgendwann konnte ich es nicht mehr. Zu viele Gedanken schwirrten durch meinen Kopf.

Ich will hier aber eigentlich nicht meine Heimreise beschreiben. Der Grund, warum ich das hier schreibe ist, dass ich versuchen möchte euch zu erklären, was mich dazu bewegt hat, dieses Jahr nicht weiter Richtung Kap zu gehen. Das war ja bei Weitem keine einfache Entscheidung. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Physisch hätte es keinerlei Grund gegeben nicht weiterzugehen, ich bin extrem fit im Moment. Es war reine Kopfsache. Demnach wird dieser Beitrag auch der mit Abstand persönlichste.
Eine Erklärung, aber zumindest den Versuch einer solchen bin ich allen, die mir auf meinem Weg zum Nordkap gefolgt sind und mich auf verschiedenste Art und Weise unterstützt haben, schuldig.
Seitdem ich am Abend des 14.7 entschieden habe, mich auf den Weg nach Deutschland zu machen, ist nun etwas mehr als eine Woche vergangen, in der ich Gelegenheit hatte meine Gedanken zu ordnen und „anzukommen“.

Im Rückblick bin ich der Überzeugung, dass die Nachricht über den Tod meines Vaters, die mich während meiner Zwangspause in Skåbu erreicht hat, der „Anfang vom Ende“ meines Projektes „NPL 2016“ war. Mein Vater hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall und lag seitdem in einem Pflegeheim. Die Möglichkeit seines Todes während meiner Tour war mir vollkommen bewusst. Damit und mit der Frage: „was wäre, wenn“, hatte ich mich schon vor dem Start auseinandergesetzt. Ich war gewillt meinen Weg, trotz der bitteren Nachricht, fortzusetzen.
Das mag für den einen oder anderen vielleicht nicht richtig erscheinen. Auch ich habe mir Gedanken gemacht, ob ich der Situation entsprechend gerecht handle, indem ich weiterlaufe. In diesem Moment gab es aber in meiner Vorstellung nichts Sinnvolleres, als weiterzugehen.

Obwohl ich mich in den folgenden Tagen, auch beim Aufbruch in die Rondane, sehr gut fühlte, hatte die Nachricht, anfangs ohne dass ich es selbst merkte, einiges in mir ausgelöst.
Um das verständlich zu machen, muss ich euch noch etwas mehr über mich erzählen:

Als ich 15 Jahre alt war, wurde bei meiner älteren Schwester Leukämie diagnostiziert. Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Schwester und begleitete sie auf Schritt und Tritt im Kampf gegen den Krebs, den sie leider nicht gewinnen konnte.
Seitdem ist einige Zeit vergangen und ich war bis jetzt immer der Meinung, das Geschehene verarbeitet zu haben, beziehungsweise meine Antworten, nach denen ich in der Folge gesucht habe, gefunden zu haben.
In Norwegen wurde ich aber eines Besseren belehrt.

Gehen, vor allem, wenn man allein ist, hat eine therapeutische Wirkung. Gedanken, die einem beim Gehen in den Kopf kommen – und sie kommen bestimmt und sicher nicht zu knapp – kann man nicht einfach wegwischen. Kommt mir zuhause ein unangenehmer Gedanke, kann ich mich bei Bedarf auf unendlich viele Arten ablenken und die Konfrontation mit mir selbst vermeiden. Genau das ist beim Langstreckenwandern aber nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich (der iPod mit Musik und Hörbüchern ist in meinem Fall die einzige Möglichkeit).
So bin ich beim Gehen gezwungen mich mit meinen Gedanken aktiv auseinanderzusetzen, egal wie unangenehm diese auch sind. Das mag nicht für alle Leser nachvollziehbar sein, kann zuweilen aber eine extreme psychische Herausforderung sein. Gedanken können in einer Situation der Isolation starke Gefühle – sowohl positive, als auch negative – auslösen.
Bitte nicht falsch verstehen! Ich bin sehr froh, dass es so ist. Ich möchte mich ja mit mir und meinen Gedanken auseinandersetzen.

Nach meinem Wiederaufbruch aus Røros in den Nationalpark Skarvan og Roltdalen wurde ich von meinen Gedanken jedoch beinah überrannt. Schmerzhafte Erinnerungen an Krankenhausaufenthalte mit meiner Schwester, an die Heimat und die Menschen dort, die mir wichtig sind.
Solche Situationen kommen vor auf Tour. Es gibt unzählige Gründe dafür. Sei es durch das Wetter, den Hunger, weil das Terrain nicht gut zu gehen ist oder einfach grundlos. Es gibt immer wieder Tage, an denen die Laune am Boden ist und man es einfach nicht schafft zurück zur positiven Einstellung zu kommen. Aber das gehört dazu! Dass Solo-Langstreckenwandern eine große Herausforderung ist, ist kein Geheimnis. Und meistens schaut am nächsten Morgen alles wieder viel besser aus.
Meine Gefühlslage änderte sich aber nicht. Ich schaffte es nicht, mich aus dem Gedankenkarussell zu befreien, das mich in eine Art depressiven Dauerzustand beförderte. Und das Bewusstsein, dass ich nicht alleine mit meinen Gedanken zurecht kam, beschwor eine Angst vor dem Allein-Sein in mir herauf, die mich morgens versuchte im Schlafsack zu halten und mir tagsüber die Kraft raubte.
Ich hatte kein Auge mehr für meine Umgebung, und ich konnte das Gehen nicht mehr genießen.

So kam zuerst die bittere Einsicht, dass ich diesmal nicht in der Lage war mich selbst aus meiner misslichen Lage zu befreien und damit die Entscheidung dieses Jahr nicht weiter als bis Nordli zu gehen. Nach 1300 zurückgelegten Kilometern musste ich mich meinem eigenen Kopf geschlagen gegeben.

Norge på langs soll Spaß machen! Ich will in der Lage sein mich und meine Umgebung wahrzunehmen und zu genießen. Das Wandern reizt wirklich alle Sinne, wenn man sich darauf einlassen kann. Genau das ist mir leider verloren gegangen. Ich war durch meinen psychischen Zustand vollkommen blockiert.
Ich bin überzeugt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. So sehr es auch schmerzt nicht weiterzugehen, sehe ich ein, dass es nicht gesund gewesen wäre in solch einer Situation die Vernunft über Bord zu werfen und weiterzugehen.

Der Abbruch dieses Jahr bedeutet aber natürlich nicht das Ende meines Projektes! Ich werde in den nächsten Wochen die bisher zurückgelegte Strecke nachbearbeiten und den Blog weiterhin mit Beiträgen speisen. Ich hoffe, dass ich schon nächstes Jahr von Nordli aus meinen Weg ans Kap fortsetzen kann, um das Begonnene auch zu Ende zu bringen.

 

 

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Ausgelaufen…

Ich habe mich erfolgreich durch das Fjell gearbeitet und bin Freitag Abend am Skjeldbreivatnet angekommen, wo ich mir eine Hütte für eine Nacht genommen habe.

Ich habe aber leider eine Mitteilung für euch, die recht überraschend kommen mag, da die letzten Wochen doch noch alles so gut ausgesehen hat:
Ich werde aus persönlichen Gründen mein Projekt NPL dieses Jahr nicht weiter fortführen. Die Entscheidung fällt mir schwer, ich werde aber irgendwann einen zweiten Anlauf benötigen, um es bis ans Nordkap zu schaffen. Es geht mir physisch sehr gut, ich fühle mich aber nicht in der Lage weiter gen Norden zu gehen.

Sobald ich körperlich und geistig wieder Zuhause angekommen bin und meine Gedanken geordnet habe, werde ich euch natürlich noch ausführlicher erläutern warum und unter welchen Umständen ich diese drastische Entscheidung gefällt habe.

Ihr werdet bald von mir hören!
Viele Grüße,
Euer Lucas

Der fahrende Läufer

Denen, die den Blog und meine Position regelmäßig klicken, bin ich wohl seit gestern eine Erklärung schuldig. Gestartet bin ich am 2.7 ca. 1 Gehstunde vor Flatseter. Von dort aus dann abgestiegen nach Alvdal. Mein GPS-Standort am Abend zeigt aber Røros als Endpunkt des Tages an. Wie geht das denn? Aber alles schön der Reihe nach…

Die Tage in der Rondane waren anstrengend, der Nationalpark ist aber wunderschön! Nur das Wetter wollte zeitweise nicht so recht mitspielen. Dichter Nebel, Hagel und Regen standen auf dem Programm. Trotzdem habe ich die Tage genossen! Schlechtes Wetter bringt meine Laune nicht mehr so schnell auf den Tiefpunkt, wie es das vielleicht zu Beginn meiner Reise noch geschafft hat. So bin ich also in 3 Etappen von 7, 11 und 8 Stunden (Vinstra – Eldåbu – Flatseter – Alvdal) über und durch dieses eindrucksvolle Gebirge gewandert.

Sogar mein entzündetes Bein hat sich weniger beschwert, als ich es gedacht hatte. Besser ist es zwar nicht geworden, schlimmer aber auch nicht. Das Laufen auf Asphalt oder Forststraßen macht mir aber immer noch sehr zu schaffen, weshalb ich nach langem Überlegen entschieden habe auch die Strecke von Alvdal nach Haltdalen mit dem Auto zu überbrücken. Die Angst, dass die Entzündung wieder aufflammt ist einfach zu groß! Mit dem Gedanken ein kleines Stück der Reise zu fahren und dafür in den Norden zu gelangen kann ich mich besser anfreunden, als mit dem, dass ich stur die Straße laufe und dafür innerhalb der nächsten Tage abbrechen muss, weil das Bein nicht mehr weiter will. Ich könnte wetten, dass es der Bart ist, der diese neue Art der Vernunft und Weisheit mit sich bringt!

Also habe ich mich gestern, nachdem ich aus den Bergen ins Tal gekommen war, daran gemacht eine Mitfahrgelgenheit nach Røros zu finden. Nicht lange nachdem ich mich and die Straße gestellt hatte, hielt Arne mit seinem Lieferwagen an. Er wollte nach Røros, um etwas Ersteigertes abzuholen, und nahm mich freundlichweise mit. Nach der Fahrt war ich um ein sehr angenhmes Gespräch reicher und sogar eine Angel hat mir Arne geschenkt! Arne hat einen Bauernhof, war bei der Armee und 15 Jahre in der Finnmark stationert. Ohne eine Angel solle ich nicht dorthin. Und so werde ich mich jetzt wohl an den Abenden und in meinen Pausen wieder mehr an die Seen setzen!

Heute verbringe ich den Tag damit mir die wunderschöne Bergbaustadt Røros anzusehen. Schon seit der Planung meiner Tour wollte ich das Städtchen unbedingt sehen.

Morgen in der Früh werde ich dann versuchen nach Haltdalen zu trampen und von dort wieder weiter Richtung Norden laufen. Ab dort wird mich mein Weg fast ausschließlich durchs Fjell führen.

Ich denke ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Auch durch die Reaktionen auf meinen letzten Beitrag habe ich gemerkt, dass viele von euch sehr ähnlich denken. Das hat mich sehr gefreut.
Meine Vernunft hat sich gegen den sturen Kopf durchgesetzt. Das werde ich sicher nicht bereuen!

Einblick in meine wirren Gedanken

„NPL ist die größte Freiheit, die ich mir vorstellen kann,
engt mich zugleich aber auch im selben Maße ein.“

Das mag so klingen, als ob es ein gebildeter Mensch gesagt oder geschrieben hätte, tatsächlich ist es aber meinem Geist entsprungen und beschreibt in wenigen Worten, worum sich meine Gedanken in den letzten Tagen drehen.

Meine momentane Situation eignet sich sehr gut, um das Dilemma in dem ich mich gerade befinde jemandem zu erklären, der sich keinen Reim auf die obrige Aussage machen kann.

Mit dem Rucksack zu reisen. Alles Notwendige darin gepackt zu haben. Draußen an der frischen Luft und in der Natur zu sein. Alle Zeit zur Verfügung zu haben und sich tagtäglich die selben drei Fragen zu stellen:
• „Wohin will ich gehen?“
• „Was werde ich essen?“
• „Wo werde ich schlafen?“
Der Rest wird sich ergeben.
Das mag für den einen oder anderen etwas verträumt oder verstrahlt klingen, für mich ist dieser Mix aber ein unglaubliches Gefühl!
Soviel zur Freiheit…

Seit fast einer Woche begleiten mich nun schon die Schmerzen im Bein, wegen welchen ich in Beitostølen schon einen und nun hier in Skåbu die Pausetage Nummer Zwei bis Vier mache. Man kann dem Muskel, der sich bei mir wohl entzündet hat, ja eigentlich auch nicht übel nehmen, dass er nach etlichen Tagen auf Asphalt- und Schotterstraßen – die dem Fuß eine immer gleiche Belastung bescheren – beschließt ein Warnzeichen an mich zu senden.
Einfach zu pausieren, den strapazierten Körperteilen Ruhe zu gönnen wäre wohl der erste Gedanke der jedem in solch einer Situation kommt. Auch mir kam der Gedanke. Doch da die verfügbare Zeit für meine Tour durch den Studienbeginn im Herbst begrenzt ist, steht das Vorankommen in meinem Kopf im Moment über allem anderen. Es fällt mir sehr schwer regelmäßige Pausetage einzulegen, die ich, wenn man vernünftig darüber nachdenkt, so dringend bräuchte. Ich werde, so schwer es mir auch fällt,  meinen Fuß aber ausreichend kurieren, um danach wieder mit Vollgas weitergehen zu können! 

Aber genug davon! Das ist Jammern auf höchstem Niveau, was ich hier gerade betreibe.
Ich bleibe natürlich positiv und bin extrem froh meine Pause hier am „Skåbu Hytter og Camping“ von Arnhild und Arne machen zu können, die sich wirklich gut um mich gekümmert haben! Arnhild hat mich gestern mit dem Auto zum Arzt gefahren, danach wurde ich zu Kaffee, Eis und Erdbeeren eingeladen, was meine Laune wieder gehoben hat.

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Der Wille das Nordkap zu erreichen ist ungebrochen. Ich habe aber gemerkt, dass ich meinem Körper nicht alles zumuten kann. Eigentlich bin ich Moment sehr fit, das Bein ist jedoch angeschlagen und muss geschont werden. Ich muss so schnell es geht runter vom Asphalt und wieder auf die Wanderwege! Ich habe lange in Gedanken mit mir gerungen. Der ursprüngliche Gedanke war ja, die komplette Strecke, ohne Ausnahmen, zu gehen. Nach langem Überlegen und einer Nachricht von Martin, die genau diese Gedanken betraf (als ob er gerochen hätte, was gerade in mir vorgeht…), habe ich jetzt entschieden, dass ich die 27 Kilometer von Skåbu bis Vinstra nicht zu Fuß zurücklegen werde. Stattdessen werde ich, das Vorankommen auf lange Sicht im Hinterkopf, eine Mitfahrgelegenheit ins Tal suchen. Von Vinstra aus werde ich auf Wanderwegen durch die Rondane gehen können, was den Fuß entlastet und die Möglichkeit zur Heilung gibt.
Wenn ich hart mit meinen Vorsätzen bleibe und laufe, kann mein Weg durch Norwegen schneller zu Ende sein, als mir lieb ist! Und das will ich auf jeden Fall vermeiden.

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Der einzigartige Ausblick vom Golsfjell auf die Jotunheimen

Ich hoffe wirklich, dass mich mein Weg nach den 750 Kilometern, die ich bis jetzt schon hinter mir gelassen habe, weiterführt. Wir hören uns bald wieder!

 

Die Hardangervidda

Die Hardangervidda war im Zuge meiner Planung eines der Themen, das mich am meisten beschäftigt hat. Immer stand die Frage im Raum, ob mir Schnee den Weg versperren würde oder nicht.
Der Gedanke an Schneemassen, durch den Winter unkenntlich oder verschneite Wegmarkierungen und das alles in einer menschenleere Hochebene, bereitete mir Kopfschmerzen. Auch weil ich die Bedingungen der letzten Tage in der Setesdalen-Austheine im Hinterkopf hatte und sie auf die Vidda projezierte, war ich sehr froh darüber, dass meine Freundin Caro sich von Deutschland aus auf den Weg machte, um mich durch die Hochebene zu begleiten. Zu zweit läuft es sich eben wesentlich angenehmer und auch ein Gefühl von Sicherheit stellt sich ein.

Am 9.6 trampte ich nachmittags von der Krokan Hütte, die oberhalb von Rjukan im Vestfjorddalen liegt, hinab ins Tal, um ein paar Einkäufe zu erledigen und Caro am Abend in Empfang zu nehmen. Sie würde mit dem Bus aus Oslo direkt in die Ortschaft am Rande der Vidda kommen.
Da der erste Bus, den sie ursprünglich geplant hatte zu nehmen, nicht fuhr, sollte es 23 Uhr werden bis Caro, müde und erschöpft durch die lange Anreise, an der Kirche in Rjukan aus dem Bus stieg. Nur durch Glück fand sich auch so spät noch jemand, der uns im Auto die Serpentinen hinauf zum „Basislager-Krokan“ fuhr. Und das inklusive Abstecher zum Kraftwerk in Vemork, das im 2. Weltkrieg eine große Strategische Bedeutung hatte. Aber Glück darf man eben auch mal haben!

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Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg hinauf auf die Hochebene. Nach einem steilen Anstieg öffnete sich die Vidda. Der Unterschied zum Fjell war recht schnell ersichtlich. Das Auf und Ab, das ich bis jetzt kannte, wich einer sanften hügeligen Landschaft. Einer Hochebene…
Caros Heimfahrt ist für den 19.6 angesetzt. Wir fassten also den Plan die 6 Tagesetappen in der Vidda aufzuteilen und 10 Tage dort zu verbringen. Schnell merkten wir aber, dass wir beide nicht der Typ Mensch für ruhige Tage sind. Ich im Besonderen werde unaustehlich, wenn ich tagsüber nicht genügend Auslauf bekomme. Also steigerten wir Tempo und Tageskilometer wieder. Wir arbeiteten uns durch den teils noch sehr aufgeweichten Boden und kamen sehr gut vorwärts. Da die Wandersaison noch nicht eröffnet ist, war es sehr ruhig und wir sollten nur vereinzelt andere Wanderer treffen.
Abends machten wir es uns in den DNT-Hütten gemütlich oder suchten uns einen schönen Platz, an dem wir das Zelt aufschlagen konnten. Wir haben die Tage dort oben sehr genossen!
Wieder einmal getrieben durch eine Unwettervorhersage, erreichten wir nach einem langen und erschöpfenden Abstieg schließlich Geilo, wo wir unser Zelt auf dem Campingplatz aufschlugen.

Jetzt sitze ich gerade in der Bibliothek in Geilo, wo es einen öffentlichen Computer gibt, den ich benutzen kann.
Der Zug, den Caro nehmen muss, wird nicht früher und nicht später, sondern Sonntag Abend ab Gol fahren. Deshalb werden wir hier am Zeltplatz den vorhergesagten Regen abwarten und uns Samstag auf den Weg dorthin machen. Ab Gol werde ich dann wieder alleine weitergehen. Ich werde meinem Weg auf den Golsfjelltoppen einschlagen und über Fagernes wo ich einen Besuch machen möchte, Richtung Rondane weitergehen. Durch meinen Zwischenstopp in Fagernes, werde ich leider nicht durch die Jotunheimen kommen. Ein Gebiet, das ich sehr gerne durchwandert hätte.
So muss ich mich eben mit der Aussicht vom Golfjellstoppen auf den Nationalpark, mit einigen der höchsten Berge Norwegens, begnügen. Aber ich werde laut Martin, der mir diesen kleinen Umweg ans Herz gelegt hat, sicher nicht enttäuscht werden.

Ich bin ziemlich genau einen Monat auf Tour und so langsam lässt sich auch auf der Karte Norwegens ein Vorankommen erkennen. Das Queren nach Osten verzerrt die Wahrnehmung der gelaufenen Distanz und hat mich anfänglich sehr beschäftigt. Jetzt, nach der Vidda, geht es recht zügig in Richtung der schwedischen Grenze, an der ich mich gen Norden „entlanghangeln“ werde. Ab dort ist der Fortschritt dann deutlicher zu erkennen.

Und jetzt noch ein mir unangenehmer, für meine Tour aber sehr wichtiger Teil:
Ich komme sehr gut voran, Norwegen ist aber ein teures Land. Besonders wenn man sein Geld mit Studentenjobs in Deutschland verdient. Und so einen Langstreckenwanderer zu füttern ist leider nicht billig!
Ich habe im Vorfeld der Tour hart gearbeitet und einiges verdient, um mir die Ausrüstung, die Essenrationen, die ich von Lucia geschickt bekomme und ein Polster für die Zeit unterwegs zu finanzieren.
Zu diesen Essensrationen muss ich jedoch auch noch Essen zukaufen und so schrumpft mein Budget schneller als gedacht. Deswegen möchte ich euch um Hilfe bitten! Wer Herz und vielleicht auch ein bisschen Geld für mich übrig hat, ist herzlich eingeladen es mir zukommen zu lassen.
Ich freue mich sehr über Unterstützung und werde diese natürlich ausschließlich auf mein norge på langs verwenden!

https://www.generosity.com/sports-fundraising/norge-pa-langs-2016

Jeden Spender lade ich nach meiner Tour herzlich zu einem Reisebericht ein!

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Mein norge på langs macht mir einen riesen Spaß!
Was der nächste Monat bringt, bleibt abzuwarten. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit und halte euch natürlich auf dem Laufenden!
Bis bald also….

Dølemo – Hovden

9 Tage durfte ich das Fjell genießen und das habe ich jede Sekunde getan! Auch wenn mir manchmal erst im Nachhinein klar geworden ist, wie sehr.

Jeder Tag war anstrengend, hatte aber seinen Reiz. Der Aufstieg von Dølemo zu Skarsvassbu, erst durch bewaldete Hänge, die dann aber dem kargen Bewuchs der steinigen Hochebene weichen mussten. Danach zwei Tage im Dauerregen durch schlammigen Ebenen und über rutschige Felspassagen, die mich viel Kraft und vor allem Motivation gekostet haben. Mehr als ich es gedacht hätte.
Am dritten Tag habe ich dann auf der Granbusøyl Lorenz aus Heilbronn kennengelernt. Wir waren beide froh über Gesellschaft nach den Tagen im Regen und haben uns den Abend sehr gut unterhalten. Schlussendlich sind wir die kommenden 6 Tage, bei Sonnenschein ohne Ende, gemeinsam von Hütte zu Hütte gewandert und hatten dabei jede Menge Spaß!

Die letzten zwei Tage unserer Tour durch das Fjell, von der Bjørnvasshytta, über die Berdalsbu, nach Hovden, wurden wir von unerwartet viel Schnee überrascht. Das brachte neue Herausforderungen mit sich, denn die vorigen Tage hatten wir zwar immer wieder Schnee gesehen, unser Weg führte uns bis dahin aber kaum darüber. Das sollte sich nun ändern!
Wir gingen ab jetzt fast ausschließlich im Gänsemarsch. Immer auf der Hut vor Hohlräumen unter der Schneedecke, die es zu umgehen galt, um nicht einzubrechen. Da man oft bis über die Knöchel im Schnee versank, kostete das Laufen mehr Kraft und nahm auch mehr Zeit in Anspruch als wir vorher gedacht hatten.
Eine weitere Herausforderung waren die Bäche, die durch das Schmelzwasser zu reißenden Strömen angeschwollen waren.
Die vom norwegischen Wanderverein DNT vorgeschlagenen Übergänge kamen so gut wie nie in Frage, da sie durch das zusätzliche Wasser meist nicht mehr passierbar waren. Also waren wir gezwungen andere Furten zu finden. Falls es die nicht gab, ging es mit den Schuhen am Rucksack befestigt, barfuß und bis über die Knie im kalten Wasser, auf die andere Seite.
Nach durchschnittlich 7 Stunden Laufen waren wir am Abend dementsprechend geschafft, hatten aber immernoch genug Energie um uns den Bauch mit Nudeln, Pfannkuchen und Schokolade vollzuschlagen. Das gab die nötige Kraft für den kommenden Tag.


Ab heute geht es wieder für 4 Tage auf 116 km Asphalt bis Rjukan. Von dort werde ich zusammen mit Caro, die mich aus Deutschland besuchen wird, die Hardangervidda an ihrer Ostseite bis nach Geilo durchqueren.
Ich freue mich sehr über diesen Besuch und die Begleitung! Deswegen verzichte ich auch auf den Pausetag, der eigentlich angedacht war, und laufe erstmal weiter, um Caro an der Vidda im Empfang nehmen zu können.

Einen Dämpfer gab mir hingegen die Erkenntnis, dass meine Hardshell-Jacke den Belastungen des schweren Rucksacks nicht gewachsen ist. Ich hatte bis jetzt großes Glück und war nicht oft auf die Jacke als Regenschutz angewiesen. Doch schon nach den wenigen Einsätzen gibt das Material der Jacke nach. Bis zum Nordkap hätte mich diese Jacke sicherlich nicht trocken gehalten. Eine neue zu kaufen kann ich mir momentan nicht leisten. Das hat mir viele Gedanken bereitet und so habe ich zuerst Simon, der NPL 2013 erfolgreich absolviert hat, angeschrieben und um Rat gebeten. Er hat mir einen Kontakt zu Bergans gegeben, denen ich mein Problem in einer eMail schilderte. Sofort sicherte man mir eine neue Hardshell zu, damit ich „auf meinem weiteren Weg zum Nordkap nicht im Regen stünde“.
Seit heute habe ich also eine Dynamic Neo Jacket, die mich auf der weiteren Tour begleiten wird.

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Tusen takk/tausend Dank an Bergans für diese großzügige Geste! Das ist eine unglaubliche Unterstützung und großartige Motivation!

Jetzt geht es erstmal wieder auf die Straße, immer Richtung Vidda! Bis bald!
Euer Lucas.

Opp på fjellet!

Ich bin vor 8 Tagen am Fyr gestartet und davon 7 Tage nun am Laufen. Bis jetzt ausschließlich entlang befahrener Straßen, doch das wird sich mit dem morgigen Tag ändern. Man könnte sagen es beginnt Teil 2 meines Abenteuers: Es geht endlich ins Fjell!

Nicht dass ich seit meinem Start keinen Spaß gehabt hätte. Nein im Gegenteil! Ich hatte jede Menge Spaß! Und das sowohl beim und am Laufen, als auch durch die zahlreichen Begegnungen mit netten Menschen, die ich bis hierhin schon erleben durfte. Von Kim und seiner Frau Karoline habe ich euch im letzten Beitrag schon erzählt. Es sind aber auch zahlreiche Begegnungen mit Menschen, die zum Beispiel ihr Auto mitten auf der Landstraße anhalten mich fragen was ich mache, um mir auf meine Antwort zu erwidern, dass ich verrückt sei. Das ist mir mittlerweile mehrere Male passiert und ich glaube selber schon daran (aber nicht erst seit ich in Norwegen bin).

Gestern hatte ich wieder einmal großes Glück und die Chance im Vegusdal in einer schönen Hütte zu schlafen. Ole ließ mich dort übernachten und ich konnte mich duschen, meine Klamotten waschen und nach Hause skypen. Am morgen habe ich dann erfahren, dass Simon, der norge på langs in 2013 erfolgreich gegangen ist, in der selben Hütte geschlafen hat. Was für ein Zufall!
Heute habe ich in Mykland mein erstes Versorgunspaket abgeholt und im Rucksack verstaut. Die nächsten 14 Tage bin ich also wieder versorgt.

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Autos werden mir im Fjell keine mehr begegnen. Doch auch wenn außer mir noch nicht viele andere Wanderer unterwegs sind – obwohl das Wetter gerade bombastisch ist – werde ich sicher die ein oder andere schöne Begegnung haben.
Und nach dem Lärm, der mich auf der Straße bis jetzt dauerhaft begleitet hat, könnt ihr euch sicher vorstellen, dass ich mich sehr auf die ca. 10 Tage Natur pur bis Hovden freue. Was mich dort erwartet, weiß ich aber selbst nicht genau.
Ihr werdet es bald erfahren!

Eine erzwungene Pause

Seit Freitag bin ich auf Tour, vom Lindesnesfyr Richtung Nordosten. Der erste Tag war trotz schlechter Vorhersage, wider Erwarten trocken. Meine Route führte mich eine Zeit lang auf der viel befahrenen Straße 460 entlang der Küste, dann aber auf einem eher kleinen und kaum befahrenen Forstweg durch die Berge nach Gåsestein, wo ich direkt nach Anklopfen im Gästehaus einer sehr netten Familie einquartiert wurde.

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Dort verbrachte ich die Nacht und machte mich, nachdem ich am Morgen meine Übernachtung mit einer Tafel Ritter Sport bezahlen konnte, bei noch schönem Wetter auf Richtung Vigeland.
Etwa eine halbe Stunde nach Aufbruch fing es an zu regnen und hörte bis zum Abend auch nicht mehr auf. Was für ein Tag…
Am Abend wurde ich jedoch für mein Weiterlaufen belohnt: Nachdem ich durchnässt bis auf die Haut an ein Haus, das nahe Opsal steht, geklopft hatte, wurde ich wiedermal hereingebeten. Kim, ein Waldarbeiter, der dort mit seiner Frau lebt, bot mir zum Abendessen selbsterlegtes Rehfleisch an. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und nahm das Angebot für Bett und Essen an.
Da für den heutigen Sonntag eine Unwetterwarnung herausgegeben wurde und extremer Regen und Gewitter zu erwarten waren und sind, habe ich mich entschieden die Aufforderung von Kim, den Sonntag mit Ihnen zu verbringen, anzunehmen und die lang anhaltende Schönwetter-Periode, die ab Montag vorhergesagt ist, abzuwarten.
Vom ereignisreichen Tag mit Schießeinlage und Søndagstur durch die angrenzenden Täler sollen die Fotos erzählen.

 

Lindesnesfyr

Jetzt bin ich hier am Lindesnesfyr, dem Ziel meiner Anreise und Beginn meiner eigentlichen Reise.
Die Anfahrt von Kristiansand, wo ich von Bord der Fähre gegangen bin, hat sich dank einiger hilfsbereiter Autofahrer für mich sehr einfach gestaltet, wofür ich sehr dankbar bin.
Ich bin jetzt voller Vorfreude, gleichzeitig voller Zweifel, was meine Tour betrifft. Da bei mir meistens aber der Optimismus siegt, werde ich diese Zweifel hoffentlich schnell überwunden haben.
Für heute ist leider Regen vorhergesagt, ich werde mich aber, sobald ich noch mit dem Leuchtturmwärter gesprochen habe, auf den Weg machen.

Ich möchte mich jetzt schon einmal bei allen denen bedanken, die mich bis hierhin schon unterstützt haben. Isabel, Markus, Eugen, Philipp, Joschi, Caro, Martin, das Fietzophren-Team (das mich viel und lange ertragen musste) und all die anderen, die mir geholfen, Mut zugesprochen und zugehört haben. Ohne euch wäre ich jetzt wohl nicht hier und so kurz vor dem Start dieser unglaublichen Tour! Wenn ich am Nordkap stehe gibt es das alles noch in ausführlicher Form!
Nun ist meine ganze Konzentration erstmal auf den Weg gerichtet.

„Die Nase in den Wind und viel Profil am Schuh…“. So beginnt meine Reise nun…

Kurz vorm Start

Ich habe jetzt eine Woche nichts von mir hören lassen. Also wird es Zeit für ein Update:

Mein Essen ist portioniert, verpackt und seit gestern auf dem Weg nach Bergen, zu Lucia. Das Rucksack-Problem, das sich beim Vorlauf im Altmühltal ergeben hat, konnte ich lösen. Mit Unterstützung von Sack&Pack, einem Unternehmen mit Ladengeschäft in Krefeld, das auch einen Onlinehandel betreibt, habe ich einen neuen Trekkingrucksack bekommen. Sack&Pack hat Anfang des Jahres, beim Kauf meines Schlafsacks, ohne zu zögern Unterstützung für meine Unternehmung zugesagt. Wer also gute Beratung und Ausrüstung zum Reisen, egal ob zu Fuß oder sonst wie braucht, ist bei Armin Weber und seine Kollegen gut aufgehoben.

An der Altmühl habe ich leider auch meine neue Stirnlampe verloren. Wie und wo ist mir immer noch ein Rätsel und der Ärger über meine Schusseligkeit ist groß. Für Ersatz ist aber schon gesorgt. Es ist ein Segen, dass mein Kopf angewachsen ist, den würde ich sonst vermutlich auf meinem Weg auch irgendwo vergessen!

Mit all den unerwarteten Zwischenfällen hat sich mein Abfahrttermin ein klein wenig nach hinten verschoben, ich werde Nürnberg am 15.5 verlassen. Über Göttingen und Hamburg, wo ich bei Freunden jeweils einen Tag Halt machen werde, geht es dann also Richtung Startpunkt, zum Lindesnes Fyr.

Ich möchte auch noch allen denen danken, die mich schon finanziell unterstützt haben. Ihr seid eine große Hilfe! Wir sehen uns nach meinem Trek.
Ich habe auch einen PayPal Spendenbutton auf der rechten Seite der Startseite integriert, der nur darauf wartet geklickt zu werden. Ich freue mich über jeden, den ich zu meinem Vortrag nach der Tour einladen kann.